Sprung nach vorne in der Fastenzeit


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Weit über 2000 Jahre Chris­tentum liegen nun hinter uns und somit auch eine teilweise strahlende, aber auch stre­ckenweise sehr leidvolle Kirchengeschichte. Je nach der Brille des Betrachters ist diese nun eben hässlich oder bunt, heilig oder voller Irrwege, widerlich oder hoffnungsvoll. Aus all diesen positiven und negativen Seiten der vergangenen Jahrhunderte, gilt es für uns heute zu lernen.

Das wiederum verlangt aber eine unbedingte Versöhnung mit der Vergangenheit, da sonst ein Sprung nach vorne einfach nicht möglich wäre – ansons­ten wären wir, wie ein Buchtitel des emeritierten Wiener Weihbischofs Helmut Krätzl besagt, „Im Sprung gehemmt“.

Deswegen sollte als Erstes auf so manches verzichtet werden können, was sich in den kirchlichen Archiven angesammelt hat. Manches davon muss sogar als verbraucht oder verdorben weggeworfen werden, damit manches längst Vergessene auf erstaunliche Weise neu entstehen kann. Bislang Unterdrücktes wird sich aufrichten und mit seiner lange angestauten Kraft vieles in dieser Kirche verändern. Dann sind wir zum Sprung nach vorne bereit und der Pflug wird seine Spur ziehen.

Eines muss aber vorab schon betont werden: Es hat in unseren Gemeinden, so sie denn zugelassen werden, noch nie so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegeben wie in unseren Tagen. Da ändert auch die derzeitige Krise unserer Amtskirche im Verhältnis zu den Pius-Brüdern überhaupt nichts daran. Die so oft – gerade von den Letzteren – bejammerte Entchristlichung der Gesellschaft und Preisgabe kirchlicher Werte entspricht keinesfalls der Wirklichkeit. Ich finde es gut, dass die Kirche sich immer wieder erneuert hat und die Öffnung auf die Gesellschaft hin, die hat unserem Glauben noch nie geschadet. Im Gegenteil: Er muss sich neu mit dem auseinandersetzen, was die Menschen von heute bewegt, und darauf auch selbst neue Antworten finden. Vielleicht fangen wir ja so erst an, das Evangelium wirklich ernst zu nehmen, in dem wir fragen: Was hat es uns heute, auf unseren Alltag hin zu sagen?

So wird aus einem – von alters her – aufgedrängten, manchmal sogar aufgezwungenen Glauben eine Glaubensüberzeugung, die frei erworben und dementsprechend auch frei verantwortbar wird. Oder wie es in einer Untersuchung hoffnungsvoll heißt: „Beobachten lässt sich nicht ein Religionsverfall, sondern vielmehr ein Wandel in den Ausdrucksformen von Religion.“ Allerdings dürfen wir diesen Wandel nicht verschlafen oder ihn gar sabotieren. Oder wie es Walter Benjamin formuliert hat: „Nicht der Fortschritt ist die Katastrophe, sondern dass es so weiter geht.“ Da So-Weitermachen-wie-bisher, das ist die eigentliche Sünde wider den Hl. Geist, der uns ja ständig zu Neuem antreiben möchte. Den Schwung, den der Wandel in sich trägt, den sollten wir ausnutzen.

Dichter haben ja oft die Fähigkeit, Entscheidendes auf den Punkt zu bringen. So sagt Peter Handke in seinem Roman „Die Wiederholung“, dass Wiederholen eben auch ein „Sich-wieder-Holen“ bedeuten kann. Sprich die Revision schaut nach, was in der Vergangenheit war, und die Vision lässt sich unbeeindruckt von gestern und vorgestern auf das Neue ein, das Gott uns anbietet. Das Neue ist der Ort, an dem Gott sich finden lässt. In dieser Feststellung liegt etwas ungeheuer Befreiendes – für den Einzelnen, aber auch für die Kirche als Ganzes. Oder um es anders zu sagen: Wir Christen hüten doch kein Museum. Und ohne Neugierde verkommt jede Institution. Ehe sie es merkt, hat sie ihren geschichtlichen Auftrag entweder beendet oder verraten. Treue heißt doch nicht, nur felsenfest an Vergangenem festzuhalten, sondern sich von der Wurzel her auf das Neue einzulassen. Das gilt im übrigen auch für die Liebe eines Menschen. Da kann man sich auch nicht ständig nur auf das Treuewort berufen, sondern Mann und Frau müssen bereit sein, aneinander und miteinander zu wachsen und sich gegenseitig in der Entwicklung beizustehen.

Und ein letzter Gedanke: Wir Christen leben in dieser Welt. Das bedeutet, dass die Gesellschaft und die Kirche mitten im Wandel stehen. Davon werden Glaube und religiöses Leben bis ins Innerste berührt. Deshalb sucht auch der moderne Mensch heute viel stärker als früher nach dem Esoterischen, dem Übernatürlichen, dem Mystischen. Und genau bei dieser Suche darf die Kirche nicht unbeteiligt abseits stehen.

Ich möchte diese Überlegungen gerne schließen mit einem Wort von Dietrich Bonhoeffer: „Entweder ich bestimme den Ort, an dem ich Gott finden will, oder ich lasse Gott den Ort bestimmen, an dem er gefunden werden will.“ Also machen wir uns in dieser Fastenzeit auf die Suche, wo Gott von uns gefunden werden will.

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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