Auf den Spuren von Thor Heyerdahl mit dem Schilfboot über den Ozean
Der deutsche Experimentalarchäologe Dominique Görlitz arbeitet seit Jahren an der Erfüllung eines abenteuerlichen Traums. Er möchte in seinem Schilfboot „Abora III“ den Nordatlantik überqueren und damit seine Theorie beweisen, dass schon die alten Ägypter mit primitiven Wasserfahrzeugen den Atlantik überquerten. Ebenso wie sein Vorbild, der norwegische Forscher und Seefahrer Thor Heyerdahl, ist Görlitz davon überzeugt, dass es schon vor 14.000 Jahren eine solche Handelsroute gab. Wie sonst sollte Ramses II. an sein Koks gekommen sein?
New York – Wissenschaftler entdeckten in der Mumie des Pharaos nämlich Spuren von Kokain und Nikotin. Dass diese Rauschmittel aber erst nach Kolumbus auf dieser Seite des Atlantiks Verbreitung fanden, hält Görlitz für einen Beweis seiner These. Ramses II. bezog seinen Tabak und das Kokain also aus Amerika.
Auch Thor Heyerdahl war der festen Überzeugung, dass schon primitive Völker auf der Atlantikroute Handel trieben. Mit seinen Expeditionen bewies Heyerdahl, dass es möglich war, sowohl den Atlantik als auch den Pazifik zur Zeit der ältesten bekannten Wasserfahrzeuge zu überqueren. 1947 segelte Heyerdahl auf dem Floß Kon-Tiki von Peru nach Polynesien. Die 8.000 Kilometer lange Fahrt dauerte 101 Tage. Damit bewies der begeisterte Forscher, dass die präinkaischen Indios an der Küste Südamerikas die ersten Menschen gewesen sein können, die diese Inseln des östlichen Pazifiks mit ihren primitiven Wasserfahrzeugen erreicht und besiedelt hatten. In den 70er Jahren gelang es Heyerdahl, mit dem Papyrusboot Ra II von Marokko aus nach 57 Tagen auf dem Meer die Insel Barbados in Amerika zu erreichen.
Auf Teneriffa ist Thor Heyerdahl übrigens das Völkerkundemuseum „Pirámides de Güímar“ gewidmet, in dem auch die Nachbildung des Schilfbootes „Tigris“ in Originalgröße ausgestellt ist.
Als nach zweijähriger Planung und Bauzeit das Schilfboot „Abora III“ Anfang Juni in New Jersey vom Stapel gelassen wurde, war Norman Baker dabei, der Navigator auf allen Schilfbootexpeditionen von Thor Heyerdahl war. Baker erinnerte in seiner Rede an Heyerdahl und die Bedeutung der geplanten Atlantiküberquerung. Dem „Abora III“ Team wünschte er viel Glück und Erfolg.
Dominique Görlitz experimentiert und forscht seit 16 Jahren, um den bahnbrechenden Beweis dafür zu liefern, dass Ozeanüberquerungen „spätestens seit der Steinzeit“ stattgefunden haben. Dass Wissenschaftler diese Theorie belächeln, schüchtert Görlitz nicht ein, sondern fördert vielmehr seine Abenteuerlust und spornt ihn an. Am 11. Juli startete in New York die von ihm geleitete Expedition „Abora III“ mit dem Schilfboot, das zwischen 2005 und 2006 von Eingeborenen des Aymara-Volkes (Bolivien) nach dem Vorbild der antiken Binsenfloße gebaut wurde. Vor dem definitiven Reisebeginn hatte die „Abora III“ verschiedene Probefahrten auf dem Hudson River bestanden und ihre Seetüchtigkeit bewiesen. Expeditionsleiter Görlitz war mit den Testergebnissen sehr zufrieden: „Wir hatten das Boot von Anfang an trotz starker Winde und Strömungen vollständig unter Kontrolle.“ Um „gegen den Wind“ segeln zu können, wurde die „Abora III“ mit Bugschwertern ausgestattet. „Abora III segelte ohne Kiel gegen den Wind und bewies damit, dass steinzeitliche Bootsbauer weit erfahrener waren als moderne Wissenschaftler und Experten bis jetzt annehmen. Außerdem sprechen diese Kurse für eine korrekte Konstruktion des Schiffes“, sagte Görlitz nach der Testfahrt auf dem Hudson.
Eine 600.000 Dollar-Reise
Ob das Schilfboot tatsächlich auch hochseetauglich ist, wird sich in den nächsten Tagen erweisen. Ziel der Reise ist Teneriffa. Die „Abora III“ (der Name stammt aus der Zeit der kanarischen Ureinwohner und bezeichnet den Sonnengott) soll nach Zwischenstopps auf den Azoren und in Cádiz planmäßig Ende September auf Teneriffa eintreffen, die Ozeanüberquerung also zweieinhalb Monate dauern. Satte 600.000 US-Dollar kostet die Expedition, die unter anderem von den Sponsoren Messe Düsseldorf, Sparkasse Chemnitz und Kreissparkasse Gotha unterstützt wird.
Während der Atlantiküberquerung wird das Schilfboot keine Unterstützung von Begleitbooten haben. Die Besatzung ist lediglich mit Satelitentelefonen ausgerüstet und die genaue Position des Schiffs wird über GPS verfolgt. Die neuesten Meldungen über die Expedition „Abora III“ können über die Website www.abora3.de abgerufen werden.